Kurz gesagt: Eine Persönlichkeitsakzentuierung ist eine stärker ausgeprägte, aber normale Persönlichkeitseigenschaft – keine psychische Erkrankung. Die ICD‑10 führt sie unter Z73.1 („Akzentuierung von Persönlichkeitszügen“) im Kapitel der nicht krankhaften Lebensbewältigungsprobleme, nicht bei den Persönlichkeitsstörungen (F60). Fehlen Leidensdruck und Funktionsbeeinträchtigung, fehlt der Krankheitswert – und damit die Grundlage, daraus eine eingeschränkte Erziehungsfähigkeit abzuleiten.
Eine Persönlichkeitsakzentuierung wird im Sorgerecht oft behauptet, wenn sich der Vorwurf einer Persönlichkeitsstörung wie Borderline oder Narzissmus nicht durch eine Fachdiagnose halten lässt. Doch was ist eine Akzentuierung eigentlich? Und hat diese einen Krankheitswert? Wir klären auf.
- Persönlichkeitsakzentuierung: Was ist das?
- Definition von Persönlichkeitsstörung nach ICD und DSM
- Beeinträchtigung des Lebens bei Persönlichkeitsstörung
- Kein Leid bei Persönlichkeitsakzentuierung
- Die Persönlichkeitsakzentuierung in familienpsychologischen Gutachten
- Wie gehe ich vor, wenn im Gutachten eine Persönlichkeitsakzentuierung behauptet wird?
Persönlichkeitsakzentuierung: Was ist das?
Eine Persönlichkeitsakzentuierung bezeichnet eine überdurchschnittlich ausgeprägte Persönlichkeitseigenschaft (z. B. besondere Gewissenhaftigkeit, Empfindsamkeit oder Selbstbezogenheit), die noch innerhalb der normalen Bandbreite menschlicher Persönlichkeit liegt. Sie ist keine Persönlichkeitsstörung und erfüllt deren diagnostische Kriterien gerade nicht.
Persönlichkeitsstörungen können als extreme Ausprägung eines Persönlichkeitsstils mit unflexiblen, starren und unzweckmäßigen Persönlichkeitszügen betrachtet werden, die dabei die Lebensqualität des Betroffenen beeinträchtigen, zu (subjektivem) Leid oder zu häufigen Konflikten mit seiner Umwelt führen. Abweichende, unangepasste Erlebensweisen, Erfahrungs- und Verhaltensmuster schränken dabei den Betroffenen in seiner Zufriedenheit und im Erreichen seiner persönlichen Ziele ein oder führen zu häufigen Problemen mit anderen Menschen oder der Gesellschaft.
zitiert nach Neurologen und Psychiater im Netz
Herkunft des Begriffs: Karl Leonhard
Der Begriff geht auf den Psychiater Karl Leonhard zurück, der 1968 sein Werk „Akzentuierte Persönlichkeiten“ veröffentlichte. Leonhard beschrieb damit ausdrücklich Normvarianten der Persönlichkeit – Menschen, die durch bestimmte hervorstechende Züge auffallen, ohne krank zu sein. Erst wenn eine Akzentuierung so stark wird, dass sie das Leben erheblich beeinträchtigt, kann daraus eine Störung werden. Die Akzentuierung ist also per Definition die nicht krankhafte Variante.
Definition von Persönlichkeitsstörung nach ICD und DSM
Nach ICD10 und DSM-5 ist eine Persönlichkeitsstörung folgendes:
Unter Persönlichkeitsstörungen werden im ICD-10 schwere Störungen der Persönlichkeit sowie des Verhaltens einer Person verstanden, die nicht direkt durch eine andere psychische Erkrankung oder eine Hirnschädigung zustande kommen. Sie betreffen dabei verschiedene Bereiche des Lebens und verursachen großes persönliches Leiden sowie soziale Beeinträchtigungen. Die Betroffenen zeigen dauerhafte und für sie charakteristische Verhaltensmuster und Erfahrungsmuster, die sich im Großen und Ganzen von kulturell erwarteten und akzeptierten Normen unterscheiden. Diese Abweichungen sind hierbei in ihren Kognitionen, ihrer Affektivität, ihrer Impulskontrolle und in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen zu finden und führen zu einem Verhalten, was unangepasst, unflexibel oder aber auch unzweckmäßig in den vorliegenden Situationen ist. Ein weiterer wichtiger Punkt für die Diagnosestellung ist außerdem, dass diese Abweichungen lang andauernd sind und bereits in der späten Kindheit bzw. in der Adoleszenz begonnen haben
nach Psychowissen
Das entscheidende Kriterium für eine Persönlichkeitsstörung ist, dass jemand unter seinen Persönlichkeitsmerkmalen leidet und durch sie in seiner persönlichen, sozialen oder beruflichen Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist. Außerdem ist eine Störung der Persönlichkeit oft auch für die Mitmenschen belastend – was auch für den Betroffenen selbst zu typischen zwischenmenschlichen Problemen führt.
zitiert nach Theraphie.de
Einordnung in ICD‑10 und ICD‑11
Die ICD‑10 (auch in der deutschen Fassung ICD‑10‑GM) kennt den Code Z73.1 „Akzentuierung von Persönlichkeitszügen“. Entscheidend ist die Stelle, an der dieser Code steht: Kapitel XXI (Z‑Codes) erfasst „Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen“ – also Lebensumstände und Probleme, die keine Krankheit darstellen. Persönlichkeitsstörungen dagegen stehen in Kapitel V unter F60–F69. Wer im Gutachten eine Akzentuierung behauptet, bewegt sich damit nach dem Klassifikationssystem selbst außerhalb des Krankheitsbegriffs.
Die ICD‑11 geht noch einen Schritt weiter: Sie bewertet Persönlichkeitsstörungen nach Schweregrad (leicht, mittel, schwer) und führt unterhalb dieser Schwelle die Kategorie „Persönlichkeitsschwierigkeit“ (personality difficulty, Code QE50.7). Auch diese ist ausdrücklich keine Diagnose einer psychischen Störung, sondern – wie Z73.1 – ein Zusatzcode für nicht krankhafte Merkmale.
Persönlichkeitsstil, Akzentuierung, Störung: Der Unterschied“)
Die Fachliteratur – etwa Peter Fiedler in seinem Standardwerk „Persönlichkeitsstörungen“ – unterscheidet drei Stufen. Erst die dritte Stufe hat Krankheitswert:
| Stufe | Bezeichnung | Merkmal | Leidensdruck / Beeinträchtigung | Klassifikation | Krankheitswert |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Persönlichkeitsstil | individuelle, flexible Ausprägung von Eigenschaften | keine | kein Code | nein |
| 2 | Persönlichkeitsakzentuierung | einzelne Züge deutlich betont, aber anpassungsfähig | keine bzw. nur situativ | ICD‑10: Z73.1 / ICD‑11: QE50.7 | nein |
| 3 | Persönlichkeitsstörung | starres, unflexibles, überdauerndes Muster seit Jugend/jungem Erwachsenenalter | klinisch bedeutsam, in mehreren Lebensbereichen | ICD‑10: F60–F69 / ICD‑11: 6D10–6D11 | ja |
Das DSM‑5 formuliert die Schwelle zur Störung ausdrücklich: Ein überdauerndes Muster muss unflexibel und tiefgreifend sein und in klinisch bedeutsamer Weise zu Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen führen. Fehlt dieses Kriterium, liegt definitionsgemäß keine Persönlichkeitsstörung vor – egal wie „auffällig“ ein einzelner Zug erscheint.
Beeinträchtigung des Lebens bei Persönlichkeitsstörung
Im Vordergrund steht also bereits die Beeinträchtigung der Lebensqualität und subjektives Leid sowie Konflikte mit der Umwelt. Eine Persönlichkeitsstörung wirkt sich also auf das eigene Leben aus. Sie beeinträchtigt aber auch das Miteinander. Leidet man selbst nicht und leiden andere hierunter nicht, liegt keine Störung und damit kein Krankheitswert vor.
Eine Persönlichkeitsakzentuierung meint hingegen, dass man nur eine Betonung bestimmter Merkmale hat, dass man sich in Richtung einer Persönlichkeitsstörung hin neigt, nicht aber dass ein das Leben in rechtlicher wie tatsächlicher Sicht beeinträchtigender Aspekt vorliegt:
Man kann dann von einer Persönlichkeitsakzentuierung sprechen, d.h. eine Neigung in eine bestimmte Richtung.
Limes Schlosskliniken
Hat eine Persönlichkeitsakzentuierung Krankheitswert?
Nein. Eine Persönlichkeitsakzentuierung hat keinen Krankheitswert, weil ihr das zentrale Diagnosekriterium jeder Persönlichkeitsstörung fehlt: klinisch bedeutsames Leiden oder eine Funktionsbeeinträchtigung in wesentlichen Lebensbereichen (ICD‑10 F60, DSM‑5, ICD‑11). Das Klassifikationssystem selbst ordnet die Akzentuierung den nicht krankhaften Faktoren zu (Z73.1). Wer eine Akzentuierung feststellt, stellt zugleich fest, dass keine Persönlichkeitsstörung vorliegt.
Kein Leid bei Persönlichkeitsakzentuierung
Eine Persönlichkeitsakzentuierung heißt also, dass keine Persönlichkeitsstörung vorliegt und damit nicht (alle) Merkmale für eine Diagnose einer Persönlichkeitsstörung vorliegen. Damit hat eine Persönlichkeitsakzentuierung auch keinen Krankheitswert.
Persönlichkeitsakzentuierungen beeinträchtigen das tatsächliche und das rechtliche Leben nicht
Michael Langhans
Von Störung oder Akzentuierung zu unterscheiden ist weiterhin der Persönlichkeitsstil, also wie sich eine Persönlichkeit entwickelt und darstellt – denn jeder Mensch ist individuell. Folglich fordern auch Fachleute, nicht mehr von Persönlichkeitsstörung sondern von einer Störung des Denkens zu sprechen. Denn die Person als solche sollte nicht als gestört betrachtet werden.
Wie häufig sind Persönlichkeitsakzentuierungen?
Folgerichtig hat meines Erachtens eine Persönlichkeitsakzentuierung im psychiatrischen oder familienpsychologischen Gutachten nicht aufzutauchen. Denn wenn es das Leben nicht beeinträchtigt, kann es auch nicht in die rechtlichen Fragestellungen des Gerichtes Einklang finden. Trotzdem erlebe ich immer wieder, dass man mit Persönlichkeitsakzentuierungen versucht, Eltern als erziehungsunfähig oder eingeschränkt darzustellen, weil man eine mögliche künftige Negativentwicklung vorherzusagen glaubt. Dies ist aus rechtlicher und aus fachlicher Sicht abzulehnen.
Denn reine Zukunftsprognosen reichen ja nicht aus, um die Erziehungsfähigkeit einzuschränken (siehe mein Buch „Wichtige Entscheidungen im Sorgerecht„). Wenn etwas keinen Krankheitswert hat, dann hat es auch keine rechtlichen Auswirkungen. Und damit kann man auch nicht etwas anderes behaupten.
Der Psychologe Dr. Robert Mestel fasst die Befunde der Arbeitsgruppe um den britischen Psychiater Peter Tyrer – einen der maßgeblichen Autoren des ICD‑11‑Modells der Persönlichkeitsstörungen – in folgendem Schaubild zusammen:

Grundlage ist eine Bevölkerungsstudie aus Großbritannien (Yang, Coid & Tyrer 2010, British Journal of Psychiatry), in der Persönlichkeitspathologie nach Schweregraden erfasst wurde. Danach ist eine „personality difficulty“ – also eine Akzentuierung ohne Krankheitswert – der statistische Normalfall, während nur eine kleine Minderheit eine behandlungsbedürftige Persönlichkeitsstörung aufweist.
Wissenschaftlich fundiert ist daher, dass
- 45% aller Menschen einen unauffälligen Persönlichkeitsstil haben
- 48% aller Menschen unproblematische Persönlichkeitsneigungen oder -akzentuierungen („Difficulties“) haben
- nur 7% aller Menschen eine Persönlichkeitsstörung mit Krankheitswert
Diese Zahlen sind wichtig: Denn damit ist nicht nur belegt, dass von 6 Leuten im Gerichtssaal (48 % von 6 ≈ 2,9) fast jeder Zweite solche „Difficulties“ oder „Persönlichkeitsmerkmale“ haben und damit die überwiegende Mehrheit. Wer würde damit sagen, dass jeder zweite quasi erziehungsungeeignet ist?
Diese Zahlen zeigen aber auch, was in Gutachten oft falsch läuft und daher auch einfach anzufechten ist.
Eine Persönlichkeitsakzentuierung hat in einem Gutachten nichts verloren! Sie hat keinen Krankheitswert
Michael Langhans
Wie gehe ich vor, wenn im Gutachten eine Persönlichkeitsakzentuierung behauptet wird?
Das Vorgehen entspricht dem üblichen bei Falschgutachten: Sachverhalt angreifen, Gutachterkompetenz angreifen, Gericht angreifen. Vor allem aber dringen Sie darauf, dass die Begrifflichkeiten klar definiert sind – mit Quellen – und dass abgegrenzt wird zwischen Persönlichkeitsstil, -akzentuierung und -störung. Dazu gehört auch, die Häufigkeiten zu benennen und mitzuteilen, dass eben keine Einschränkungen vorliegen. Damit sind alle negativen Schlüsse aus einer Akzentuierung, und sei es nur dass der Anschein erweckt wird dass es negative Schlüsse gäbe, unzulässig, spekulativ und unwissenschaftlich.

4 Antworten auf „Die Persönlichkeitsakzentuierung im Sorgerecht anfechten“
Mir wurde im Wechsel die Wahrscheinlichkeit einer Persönlichkeitsakzentuierung, eines stark ausgeprägten Persönlichkeitsstils und einer Persönlichkeitsstörung schriftlich niedergelegt in einem Gutachten zur Erziehungsfähigkeit. Alles an den Haaren herbei gezogen. Wie gehe ich damit um?
man erzählt sich die Leute und triggern um gewünschte Ergebnisse zu erzielen und betrachtet Personen als gestört und testet sie regelmäßig da man glaubt auf Medikamente hinaus wirken zu können oder die Wirkung testen zu können. man sitzt dauerhaft in Verhören und wird tröpfchenweise schikaniert, bis eintreten muss was Trennungsgründe waren. Das Recht stammt aus Mittelalter Zeiten.
ehe ich ähnlich
[…] und Gerichte folgen dem. Oft wird auch nur die Vermutung geäußert oder statt einer Diagnose die Persönlichkeitsakzentuierung genutzt, um Mütter zu […]